Global Organic Textile Standard

Interview

Interview mit Franz Budke

Frage: Sie haben Ihr Unternehmen in den 1960er Jahren gegründet, zu einer Zeit, die viel Wert auf individuelle Freiheit legte. Heute gilt die Freiheit der Märkte mit allen Konsequenzen. Sehen Sie sich immer noch als „68er“? Wieviel vom Geist der Flower-Power-Ära steckt im Unternehmer Budke?

Antwort: So alt bin ich doch noch nicht: Ich habe 1971 bis 1978 in Berlin studiert, war dann 4 Jahre Berufsschullehrer, nebenbei Gründer einer kleinen alternativen Schneiderwerkstatt, da ich mir ein Leben als Beamter einfach nicht vorstellen konnte und nach „Alternativen“ suchte.
Flower-Power war ich nie.
Wir waren die „Alternativ-Bewegung“.
Die großen politischen 68er Ziele von Welt-Revolution etc. habe ich auch mitgetragen, aber jetzt suchten wir alle nach konkreten Alternativen im Kleinen zu der damaligen „Spießergesellschaft“ in Bezug auf Wohnen, Leben, Arbeiten.
Aber Alternativbewegung hieß damals : Hauptsache irgendwas mit den Händen machen, auch wenn man vom jeweiligen Handwerk fast bis keine Ahnung hatte. Das war mir ein Graus .
Ich kam aus dem handwerklichen – Vater Schneidermeister, heute bereits ein fast anachronistischer Begriff und Beruf – und habe mit 14 Jahren bei ihm eine Schneiderlehre begonnen und mit dem Gesellenbrief abgeschlossen.
Sackige, schlecht geschnittene und genähte „Klamotten“ – wie wir früher despektierlich sagten, das schon drückt eine Abwehrhaltung aus-
waren die Regel in der Alternativszene. Etwas schönes, perfektes zu machen war mit dieser Haltung nicht möglich.
Ich aber wollte es ganz – im Sinne von richtig und gut – oder gar nicht machen.

Unternehmer und Flower-Power haben dennoch etwas gemeinsam: etwas unternehmen, etwas gestalten, Mut zum Aufbruch, Mut zum Neuen / Un- konventionellen, Risiko: kein Problem.
Sich etwas trauen, loslegen, Lust auf was anderes. Kein Business-Plan, einfach aus dem Bauch heraus, weil wir „Bock“ auf etwas hatten etc.
Nur die Idee, kein Kapital, nur den Mut loszulegen und den Wunsch unabhängig zu sein, frei zu sein, keinen Chef über sich zu haben, nicht einmal Chef sein zu wollen, erst recht nicht zu ahnen, was es alles bedeuten kann, Chef zu sein – zu führen, zu verantworten, hart zu sein…

Frage: In welchen Ländern der Welt lassen Sie produzieren? Gibt es ein Land, ein Projekt, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Antwort: Meine wirtschafts-geo-politische Einstellung ist, dass es nicht gesund ist, Rohstoffe aus der sog. Dritten Welt zu holen und sie dann hier verarbeiten zu lassen. Besser ist es, diese vor Ort verarbeiten zu lassen, dort Fachleute auszubilden, kunsthandwerkliche Traditionen zu fördern und zu bewahren.
Und so machen wir es: seltene schwarze Muscheln werden in Manufakturen auf Madagaskar zu Knöpfen gearbeitet. Andere Muscheln und Schnecken verarbeiten philippinische Kunsthandwerker, nur Steinnussknöpfe lassen wir in Europa fertigen, obwohl die Tagua-Palme hauptsächlich in Ecuador ihren Steinnuß-Samen für Knöpfe wachsen lässt, aber auch hier arbeiten wir an einer „Vor-Ort-Lösung“.
Der größte Zufall – ich sage lieber Fügung – passierte, als ich vor über 20 Jahren endlich meine Knopf-Kollektion auf der damaligen Leitmesse für Stoffe und Knöpfe, der Interstoff in Frankfurt ausstellte. Ich bekam 3 so wunderbar handwerklich aus Horn und Bein gearbeitete Knöpfe in die Hand, dass ich mir geschworen habe: Wo immer auf der Welt diese Kunsthandwerker sitzen, ich muss sie finden und will mit ihnen arbeiten. Aber: Keiner wusste, woher diese Knöpfe stammen.
Wieder ein Zufall oder Fügung: Paul Knopf, aus meiner Berliner Zeit ein wichtiger Inspirator für meinen „Knopf-Weg“, einer der eigentlich nie auf Messen auftaucht, kam an meinen Stand und sagte einfach „Nepal“.
Monate später war ich mit meinen 3 Knöpfen in der Tasche in Kathmandu und fand nach einigen Wirren die Frau, die meine Knöpfe produziert hatte. Eine ihrer ersten Sätze war: „Dich schickt Gott.“
In den nächsten 20 Jahren haben wir uns immer riesig gefreut, wenn wieder ein Auftrag für Nepal gefaxt werden konnte, in Nepal konnten wir alleinerziehende Frauen einstellen, dafür sorgen, dass ihre Kinder zur Schule gehen konnten, indem wir Schulgeld und Schuluniformen und Kosten für Krankenhausaufenthalte übernahmen. Wir konnten über 100 Jugendliche in traditionellem Schnitzen und Drechseln von Horn und Bein ausbilden.
Besser kann globales, „alternatives“ Wirtschaften nicht sein, dachte ich lange.

Frage: Haben Sie die Möglichkeit, die Produktstätte ihrer Produkte regelmäßig zu besuchen? Wenn ja, wie läuft dann solch ein Besuch ab? Wie begegnen Ihnen die Menschen vor Ort? Werden Sie als „Wohltäter“ gesehen?

Antwort: Anfangs waren regelmäßige Besuche und Gegenbesuche an der Tagesordnung, einfach um die Menschen, ihre Denkweise und die handwerklichen Abläufe kennen zu lernen.
Man kann nur dann gutes Design machen, wenn man selbst alle Facetten der Werkstattabläufe und der Materialreaktionen kennt.
Interessant war es auch hier, ortsübliche Konventionen zu durchbrechen.
Ein Beispiel: In Nepal sind Büroleute von den Drechslern, Schleifern, Graveuren getrennt. Eine Idee wird vom Büro durch einen Boten in die Werkstatt gebracht und ebenso zurück. Ein Büro-Mensch geht nicht in die Werkstatt. Ich aber wollte den Arbeitsprozess kennen lernen.
Große erstaunte Augen sahen mich an, als ich direkt mit den Drechslern und Graveuren meine Ideen beredete und ausprobierte.
Es hat mir viel Respekt eingebracht, weil die Arbeiter auch sehen konnten: der weiß, wie Horn oder Bein reagiert, der ist vom Fach und ist sich nicht zu fein, direkt damit in Berührung zu kommen.
Man muß wissen: Bein = Knochen ist in nepalischer Sicht unrein und wird auch dort nur von unteren Kasten bearbeitet.
Zur Wohltäterfrage: Manchmal beschleicht mich auch hier ein kleines schlechtes Gewissen, denn durch unsere Aufträge haben wir für eine begrenzte Gruppe von Menschen relativen Wohlstand geschaffen, der wiederum Neid und Missgunst wachsen ließ. Geld kann leider nicht nur hierzulande den Charakter verderben…

Frage: Ihre Knöpfe zeichnen sich neben der Verwendung hochwertiger Materialien durch besondere Designs aus. Wer ist der kreative Kopf in Ihrem Unternehmen? Woher bezieht der Designer seine Ideen?
Antwort: Design habe ich nie gelernt, aber fast alle Knopf-Ideen kommen von mir bzw. ich behalte mir immer die letzte Entscheidung vor, welches Design wir in die Kollektion nehmen.
Diese Entscheidungen fallen in der Regel aus dem Bauch heraus. Die wenigen Male, wenn ich auf internationalen Messen meinte, einen Trend zu sehen und ich ihm folgte, waren wir schlecht. Inzwischen kümmern wir uns letztendlich erstaunlich wenig um die sogenannten Trends, d.h. oft reichen mir und uns einige wenige Impulse, die wir in Trend-Infos, auf Messen, in Magazinen, auf der Straße sehen, um daraus unsere eigenen Ideen zu entwickeln. Manchmal stellen wir fest, dass wir damit 2-3 Jahre zu früh auf dem Markt sind, aber in der Regel erhalten wir immer wieder Komplimente über unsere guten Ideen.
Ideen kreieren ist auch der Arbeitsbereich, der mir persönlich am meisten Spaß macht und den ich am wenigsten hergeben möchte, wenn ich mal kürzer trete.

Frage: Inmitten einer immer hektischer und unpersönlicher werdenden Welt zeichnet sich Ihr Unternehmen durch einen sehr persönlichen Kontakt zu seinen Kunden aus. Altmodisch, oder ein Garant für gute, nachhaltige Kundenbeziehungen?

Antwort: Ich kann nicht anders, ich bin so. Ohne meine ersten – aus heutiger Sicht – kleinen Kunden wäre unsere Firma nicht zu dem geworden, was wir heute sind. Das werde ich nie vergessen. Mir ist oft ein herzlicher persönlicher Kontakt zu einer „kleinen“ Kundin lieber, als ein businessmäßig guter Auftrag mit großen Stückzahlen, der zwar das notwendige Geld bringt, aber auch Stress. Da bin ich immer noch ein wenig der „Alternative“ geblieben.
Ich könnte nie eine Firma mit 50 oder mehr Leuten führen. Ich brauche es familiär , übersichtlich. Ich bin der Clan-Chef und habe dafür zu sorgen, dass jeder eine Arbeit hat, die ihn ausfüllt, weder unter- noch überfordert und das scheint zu gelingen. Die meisten Mitarbeiter sind mehr als 10 Jahre, viele mehr als 20 Jahre „bei uns“.

Unser Firmenkonzept war und ist : Nur Naturmaterialien und möglichst viele handwerklich gearbeitet Knöpfe, es war nie ein Business-Konzept mit Marktanalyse und so weiter.
Ich kann einfach nicht anders, für Knöpfe aus echten Materialien wie wir sagen, habe ich immer jede Menge Ideen gehabt und fühle noch Ideen für mehrere Leben in mir.
Kunststoffknöpfe lassen mich kalt, es entstehen keine Design-Ideen.
Ich habe das Glück, dass diese „Sortiments-Einengung“ (heute würde man allerdings sagen: das ist die Kernkompetenz von Knopf-Budke) wirtschaftlich funktioniert, auch wenn es Zeiten gab, in denen die Designer/innen – jung und gerade fertig – an unserem Messestand vorbeigingen mit der abfälligen Bemerkung: das ist ja ökig.
Heute kommen alle, auch die großen Firmen, zu uns, einfach weil wir gut sind.
Damit komme ich zurück auf die Flower-Power-Frage: Einfach eine Idee zu haben ist zu wenig.
Du musst es gut, besser, am besten machen wollen, können und tun.